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Historische Kalenderblätter Mai/Juni Drucken E-Mail
Geschrieben von Fritz   
Dienstag, 29. Juni 2010

Vom 1. Mai 1896 bis 14. Juni 1896 gerät Windischholzhausen in die Schlagzeilen des Erfurter Allgemeinen Anzeigers. Es ist der Gutsbesitzer und Reichstagsabgeordnete Friedrich Wisser der seinen Geburts- und Heimatort ins Rampenlicht der Öffentlichkeit stellt.


Windischholzhausen, 1. Mai.

Der frühere Reichstagsabgeordnete Friedrich Wisser ist Gestern ist gestern Abend unter den Verdacht der Verleitung zum Meineide in Untersuchungshaft genommen worden. Der Ursprung der Straftat liegt in einem der zahllosen Prozesse, welche zwischen den feindlichen Parteien des Dorfes schweben, und zwar ist die vorgeschichte dieses Falles folgende: Der Gutsbesitzer Wisser hatte am Charfreitag vorigen Jahres den Landwirt Oehler aus Windischholzhausen geschlagen, und in den folgenden Strafverfahren soll Wisser zwei seiner Knechte zu einer falschen Aussage verleidet haben. Die beiden Männer, welche gegenwärtig in Erfurt wohnen, sind schon vor Wisser verhaftet worden. Der letztere wurde gestern abend von zwei Gendarmen aus seiner Besitzung in Windischholzhausen abgeholt.


Windischholzhausen, 2. Mai.

Die Verhaftung des Gutsbesitzers Wisser in Windischholzhausen hat nicht bloß hier, sondern auch über die Grenzen des Landkreises hinaus bedeutendes Aufsehen gemacht, denn Wisser ist durch seine Anteilnahme am politischen Leben, zunächst als Reichstagsabgeordneter. Ferner als Herausgeber der besonders in Schlesien viel gelesenen „Deutschen Bauernzeitung“ , in weiten Kreisen bekannt geworden. Wie wir erfahren steht die Sache des Verhafteten nicht günstig für diesen, da die beiden Knechte bereits ein offenes Geständnis abgelegt haben sollen. Demnach wäre es möglich das der Strafprozess schon vor das nächste Schwurgericht verwiesen wird.


Aus der Strafkammer, 5. Mai.

Aus dem Gefängnis vorgeführt wurden: Theotor Hut, Friedemann Urbich sowie Gutsbesitzer Friedrich Wisser. Sie hatten gegen ein Urteil, das jeden wegen Beleidigung des Schulzen Mende und des Schöppen Oskar Kluge mit 60 M Strafe belastete Berufung eingelegt. Wisser aber die seine noch rechtzeitig zurückgezogen. Im laufe der Verhandlung tat Urbich dasselbe. Die Berufung Urbich's wurde als unbegründet zurück verworfen. Hut befindet sich wegen Urkundenfälschung und Urbich wegen fahrlässigen Meineid's in Strafhaft.


Windischholzhausen, 26. Mai.

Da,wo der Gutsbesitzer Wisser den Landwirt Berthold Oehler körperlich verletzt hatte, wurde am Sonnabend Vormittag eine Lokalbesichtigung gehalten. Landrichter Dr. Jakobsen als Untersuchungsrichter und Rechtsanwalt Kelch als Verteitiger hatten sich eingefunden. Zehn Zeugen unter denen sich Berthold Oehler befand, wurden vernommen.


Windischholzhausen, 29. Mai.

Gestern Abend wurde wurde die auf dem Wisser'schen Hof -bedienstete Magd Lisette Jäger aus Benshausen verhaftet und nach Erfurt gebracht. Sie ist verdächtig, vor 2 Jahren in einer Strafprozeßsache gegen Wisser (Ankörung eines Bullen betreffend) einen Meineid geleistet zu haben. Wie wir hören behauptet die Magd, vom Sohn des Brotherrn zum Meineid angestiftet worden zu sein.


Windischholzhausen, 1. Juni

Der gegen den Gutsbesitzer Wisser in Windischholzhausen eingeleitete Meineidsprozess zieht immer mehr Personen mit ins Verderben. Nach dem vor kurzen eine Magd des W. Verhaftet worden war, ist am Sonnabend Abend nun auch der Sohn des W. Unter dem Verdacht einen wissentlichen Meineid geleistet zu haben, in das hiesige Gerichtsgefängnis eingeliefert worden. Jetzt sitzen bereits 6 Personen unter dem verdacht wissentlich falsch geschworen bzw. die Verleitung dazu betrieben zu haben hinter Schloss und Riegel, und es ist noch gar nicht abzusehen ob die Verhaftungen damit ihr Ende erreicht haben. Es tritt immer mehr zu Tage das Wisser Senior einen dämonischen Einfluss auf seine Leute ausgeübt hat, denn die oben erwähnte Magd, ein 24 Jahre altes Mädchen, hat hat umständlich eingestanden von den älteren Wisser, nicht von dessen Sohn, wie seiner Zeit irrtümlich berichtet, zur Leistung eines falschen Eides verleitet worden zu sein. Was die ganze Handlungsweise der Verhafteten rückblickend so unverantwortlich erscheinen läßt, ist unumstritten das die in Frage kommenden Meineide lediglich in den Bagatellfällen wie sie Wisser aus den unbedeutendsten Anlässen zu führen pflegte geleistet wurden. Im Hinblick auf die neuesten Verhaftungen ist es nun wieder fraglich ob der Prozess Wisser schon vor dem nächsten Schwurgericht zur Verhandlung kommt.


Windischholzhausen, 2. Juni

Der Fall Wisser (siehe unser heutiges Morgenblatt)wächst sich immer mehr zu einem Sensationsprozesse aus insofern, als die Zahl der Angeklagte sich mehrt. Nun ist auch eine Frau Witter aus Rehmstedt bei Gotha verhaftet worden.Die Frau lebt jetzt in Erfurt und steht unter dringendem Verdacht, die Entscheidungen in den Wisser`schen Prozessen durch wissentlich falsche Eidesleistung mit beeinflusst zu haben. Der Sohn Wisser`s wird außerdem verdächtigt 3 seiner Mägde: Lisette Jäger, Ottilie Koch, und Christine Geishirt zum Meineide verleitet zu haben. Jedenfalls mehren sich wie wir schon vermuteten, die Verhaftungen noch. Wir enthalten uns vorläufig jeden Kommentars zu diesen sensationellen Vorkommnissen, sprechen aber schon heute den Wunsch aus, es möge in Folge der gerichtlichen Maßnahmen der lang entbehrte frieden in eine blühende Gemeinde des Erfurter Landkreises wieder einziehen.


6. Juni Zum Fall Wisser

Gesten Nachmittag wurde Wisser sen. Nach seinem Gehöft in Windischholzhausen transportiert. Er hatte dies zur Ordnung seiner Papiere beantragt. Den Transport leitete herr Gefängnisinspektor Hoffmann mit einem Gendarm. Um ½ 6 Uhr war die Ausfahrt beendet. ….. Von welchen kleinlichen Motiven sich Wissers bei ihren Denunziationen leiten liesen beweist u. A. Eine Anzeige die Wisser jun. Kurz vor seiner Verhaftung erstattete gegen einen hiesigen Fleischermeister und Jagdpächter, der einen Hund auf fremden Jagdgebiet erschossen heben soll. W. War weder Jagdpächter noch Eigentümer des Hundes; ein ungünstiger Prozess aber mit dem Angezeigten wegen eines Rebhuhns mußte Grund genug sein zu jener Denunziation, die möglicherweise eine wissentlich flache ist und deshalb zur Verfolgung gelangt.


12.6.

Der Prozess Wisser beginnt am 18. Juni vor dem hiesigen Schwurgericht. Die Verhandlung welche lediglich den Fall der beiden inhaftierten Knechte umfassen soll, dürfte sich jedoch , in Rücksicht auf die große Zahl der geladenen Zeugen, auch auf den 19. erstrecken.


15. 6. 1896

Der Selbstmord des Bauerngutsbesitzers Wisser. Die für den 18. des Monats angesetzte Schwurgerichts – Verhandlung gegen den früheren Reichstagsabgeordneten Bauerngutsbesitzer Friedrich Wisser aus Windischholzhausen wird und kann nicht stattfinden, weil Wisser sich den irdischen Richter entzogen und sich selbst sein Urteil gesprochen hat, wohl in Erkenntnis seiner Schuld. Entseelt wurde er nämlich Sonntag morgen in seiner Zelle aufgefunden; die Leiche des reichen Mannes wurde im bekannten Selbstmordkarren am Abend von den Siechenhäuslern aus dem Gefängnishofe nach der Leichenhalle des Außenfriedhofes gefahren, von wo sie wahrscheinlich die Angehörigen reclamiren werden zur Bestattung in der Heimat. Zum Selbstmord hatte sich W. Der Hosenträger und des Taschentuches bedient: vermutlich hatte er schon vor Mitternacht Hand an sich gelegt, da sein Körper schon kalt und steif gefunden wurde. Warscheinlich hat W. sich schon länger mit Selbstmordgedanken getragen, denn gleich mit Anfang seiner Einlieferung beschäfzigte er sich mit Abfassung seines Testaments. Die angezeigte Verhandlungwird sich nunmehr auf den Meineidsfall Garow beschränken – so heißt der Knecht, welchen W. zum Meineide verleitet haben soll. Der zweite, angeblich zum Meineide verleitete, der Musketier Illig, hat gestern vorm Kriegsgericht gestanden; das Urteil ist nicht bekannt, vermutlich Zuchthaus und Ausstoßung aus dem Soldatenstande. .

 


 



Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 29. Juni 2010 )
 
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